Projekt: Magisterarbeit
Brainstorming
Die kommenden Monate werden von den Auswirkungen unserer gegenwärtigen Gesellschaft auf den Menschen geprägt sein. Ich möchte mich für meine Magisterarbeit mit dem Thema Depression und Gesellschaft auseinandersetzen.
Mein Interesse speist sich zum einen aus einem subjektiven Empfinden, dass der Alltag für nicht Wenige als zunehmend anstrengend erfahren wird und zum anderen aus der (theoretisch motivierten) Suche nach einem Ort des Widerstandes nach dem “Tod des Subjekts” und dem Gefühl der Ohnmacht des Individuums in hoch-globalisierten, -pluralisierten und -differenzierten Zeiten.
Die paradoxe (dialektische) Situation immer größere Freiheit bei immer größerem Zwang zu erfahren, treibt und lähmt das postmoderne Individuum zugleich. Die Struktur hinter den derzeitigen gesellschaftlichen Veränderungen (”Reformen”) verweist dabei auf ein neues Schreckensszenario. Der “befreite” (emanzipierte) Mensch verliert sich “in sich selbst”. Die Befreiung von äußeren Abhängigkeiten (Natur, Arbeit, Tradition) fordert die Ausformung des Lebens “aus sich selbst” heraus. Eine Forderung, die eine Überforderung darzustellen scheint (vgl. Veränderung der Depressionsrate in den “Industrienationen”).
Das Paradox (oder Dilemma) wird noch komplexer, wenn die Konstruiertheit des Diskurses um den “Unternehmer seiner Selbst” mitdenkt. [Das Problem des Subjekts und seiner gesellschaftliche Konstruktion scheint ein geeigneter Ansatzpunkt zu sein um die Wirkungsweise der gegenwärtigen Veränderungen zu verstehen.]
Die These: Der Mensch ist nicht befreit und kann keineswegs aus einem nicht entfremdeten Kern heraus ein “erfülltes” Leben leben. Das Bild das sich der Menschh von seinem Selbst, also von sich als Individuum macht, ist zutiefst gesellschaftlich geprägt und vermittelt. Geprägt durch eine spätkapitalistische Gesellschaft, die es nicht an Beweisen mangeln lässt, dass ein “zufriedenes”, “glückliches” oder “menschliches” Leben keine hohe Priorität in ihren Abläufen besitzt.
Warum funktioniert eine Gesellschaft die krank macht?
Ist (ein anderes Verständnis der) Melancholie ein (Ansatzpunkt für einen) Ausweg?
Da die Leitmotive Wachstum, Optimismus und Beschleunigung maßgeblich unsere Gesellschaft formen, könnte Melancholie (als körperliche und geistige Verlangsamung) ein Ort des Widerstandes sein, der auch der Dekonstruktion des Subjektes standhält. In der Melancholie wird der Riss zwischen Individuum und Welt erfahrbar, der an anderer Stelle schnell übersprungen wird. In dieser (erzwungenen, nicht intentionalen) Erfahrung der Unzulänglichkeit der Welt mit dem Wissen um die Veränderbarkeit dieses Zustandes könnte die (auch körperlich vermittelte) Motivation liegen, Besserungen anzustreben.
Lektüre:
Das erschöpfte Selbst von Alain Ehrenberg
Melancholie und Gesellschaft von Wolf Lepenies